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16.11.2018 - Ausgabe Nr. 1511

Das Fotografengewerbe hat Mühe, im Strukturwandel festen Boden zu gewinnen



„Über viele Jahre hat es im Bezirk Baden rund 40 bis 50 Fotografen gegeben. Dann kam im Jahr 2014 die Liberalisierung, und heute sind rund 300 Fotografen allein in meiner Region gemeldet“, teilt Christian Schörg, Fotografen-Innungsmeister-Stellvertreter in der NÖ Wirtschaftskammer dem NÖ Wirtschaftspressedienst mit. „Das bedeutet, dass es nur mehr über den Preis geht. Früher ging es darum, wie beispielsweise eine Hochzeit fotografisch zu gestalten ist. Heute bekomme ich eine Anfrage per Mail, was eine Hochzeit kostet. Da ich eine solche Frage ohne Zusatzinformation nicht beantworten kann – schließlich können es 400 Euro bei einer standesamtlichen Hochzeit sein, aber auch 5.000 Euro, und das schreibe ich auch so zurück –, höre und sehe ich in der Regel nichts mehr, weil sicher ein Kollege bereits ohne Rückfrage 300 Euro zurückgeschrieben hat.“

In Österreich gibt es derzeit 8.000 Fotografen gegenüber 2.300 bis 2.800 davor. In Niederösterreich sind es jetzt rund 1.500 Fotografen gegenüber etwa 300 vor der Liberalisierung. Viele dieser neu angemeldeten Fotografen betreiben dieses Gewerbe nur im Nebenerwerb. „Das bedeutet,“ sagt Schörg, „sie können ihre Leistung günstiger anbieten, weil sie in der Regel nur Einpersonenunternehmer sind, während ich Mitarbeiter habe, die fix mit einem Gehalt angestellt sind. Darüber hinaus fallen diese Kollegen vielfach unter die Kleinunternehmerregelung ohne Umsatzsteuer – was für mich als hauptberuflichen Unternehmer mit mehreren Standorten auch nicht gilt“, so der Innungsmeister-Stellvertreter. Jedenfalls sieht er darin eine massive Benachteiligung der hauptberuflichen Fotografen.

Was Christian Schörg insbesondere bemängelt, ist der Umstand, dass der Großteil der neu angemeldeten Fotografen Fotos herstellt, ohne eine Ausbildung zu haben. „Nur 200 der in ganz Österreich tätigen 8.000 Fotografen haben eine Zertifzierung – den Qualified Austrian Photographer, und 100 davon einen Meistertitel“, berichtet er. Die Liberalisierung der Fotobranche habe die Meisterprüfung als bis dahin gültige höchste Ausbildungsstufe obsolet gemacht. Allerdings gäbe es nach wie vor viele Kunden aus der Industrie, die ISO-zertifizierte Industriefotografie zu schätzen wissen. Zudem hätten sich viele hauptberufliche Fotografen oft bedarfsgerecht spezialisiert, was entsprechende Anfragen und Aufträge zur Folge hat. Dazu zählen beispielsweise Imagekampagnen, Luftbilder oder die Schulfotografie.

Nicht erfreulich ist der Stand der Lehrlingsausbildung. Gab es in Niederösterreich heuer vor dem Sommer sieben Lehrlinge, sind es noch vor wenigen Jahren über 100 gewesen. Dass das Interesse an einer hauptberuflichen Ausbildung in dieser Branche nur gering ist, verwundert den langjährigen Fotografen allerdings nicht. „Nur rund 600 der 8.000 Fotografen in Österreich können davon auch wirklich leben“, resümiert Schörg. (jm)

http://wko.at/noe/fotografen

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