NÖ Wirtschaftspressedienst - Ausgabe Nr. 1658 vom 8.10.2021

8.10.2021
Hitzeschild aus Berndorf besteht Härtetest beim Planeten Merkur

Mehr als 100 Millionen Kilometer von der Erde entfernt hat ein High-Tech-Produkt aus Niederösterreich bei einer gemeinsamen Wissenschaftsmission der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA und der japanischen Raumfahrtagentur JAXA seinen ersten großen Belastungstest erfolgreich bestanden. Das von der RUAG Space GmbH in Berndorf im Triestingtal gefertigte spezielle Thermal-Isolationsschild schützt nämlich die Forschungssonde „BepiColombo“ bei ihrer Reise zum Merkur vor der extremen Hitze, die der sonnennächste Planet abstrahlt.

Vor kurzem hat der vor drei Jahren gestartete Satellit erstmals die Merkur-Oberfläche in nur 200 Kilometern Höhe überflogen. „Dort ist es heiss wie in einem Pizzaofen“, beschreibt ESA-Spacecraft Operations-Managerin Elsa Montagnon die Umstände. Beträgt die Temperatur auf der Oberfläche des Merkur 450 Grad, sind es in seiner Umlaufbahn immer noch 350 Grad.

„Diese Hitze muss die Sonde aushalten“, erklärt RUAG-Geschäftsführer Andreas Buhl. Für die „BepiColombo“-Mission hat das Unternehmen deshalb eine spezielle Keramikbeschichtung entworfen, die dicker ist als bisher bekannte Satellitenfolien. Sie besteht aus bis zu 35 Schichten. Auch die Farbe ist anders: Werden Sonden auf Flügen zu den äußeren Planeten, wie Mars, Jupiter oder Saturn, gegen die Eiseskälte im Weltraum mit schwarzer Folie geschützt, trägt „BepiColombo“ auf seiner Reise zum Merkur weiß, um möglichst viel Wärme zu reflektieren.

Bei der Merkur-Mission sind nicht nur die unwirtlichen Temperaturen eine besondere Herausforderung, auch die Berechnung der bestmöglichen Flugroute hat den Wissenschaftern eine knifflige Lösung abverlangt. Denn auf einem direkten Kurs, der schnell ist, ist eine Umlaufbahn um den innersten Planeten nicht zu erreichen, zumal sich „BepiColombo“ tief in das Anziehungsgebiet der Sonne bewegt. „Da kommt man zwar relativ einfach hin, dafür ist es aber umso schwieriger, die Sonde anzuhalten“, erläutert ESA-Forschungsrat Mark McCaughrean. Bevor der Forschungssatellit Ende des Jahres 2025 in seinen Orbit um den Merkur einschwenkt, muss er einmal die Erde, zweimal die Venus und sechsmal den Merkur selbst passieren, um auf die richtige Geschwindigkeit zu kommen.

RUAG Space unterhält im Berndorfer Industrieareal Produktionsräume zur Herstellung von Thermalisolationen für Satelliten. Dorthin liefern die Kunden, wie etwa die europäische Raumfahrtagentur ESA, von ihren Sonden dreidimensionale Modelle. Diese werden von den RUAG-Mitarbeitern zu Probezwecken in die Thermalisolationen gewickelt und die Folien geerdet. Mit rund 250 Beschäftigten, davon 20 in Berndorf, hat RUAG Space 2020 in Österreich einen Umsatz von 43 Millionen Euro erwirtschaftet. (mm)

http://www.ruag.com/de/space

http://www.esa.int/Science _Exploration/Space_Science/BepiColombo